Wildbad der Sprache

Die ersten Apparate zur Tonaufzeichnung sind noch keine hundertfünzig Jahre alt. Von Thomas A. Edisons Zylinderphonograph konnten Autorinnen und Autoren, für die das laut vorgelesene, rezitierte, deklamierte Wort wichtig war, nur träumen. Für Menschen im Mittelalter war Lesekultur in erster Linie eine Vorlesekultur. Sie verband das Wort stark mit der Stimme und den gestischen Ausdrucksmöglichkeiten des Körpers. Sie belebten nicht nur Predigten und Theaterinszenierungen, sondern auch öffentlich vorgetragene Erzählungen und Gedichte - nicht anders heute noch szenische Lesungen und andere Formen von oral performance.

Die Vorstellung, mittelalterliche Literatur sei ausschliesslich still und privat gelesen worden, ist also eine Abstraktion der Moderne. Mittelalterliche Dichtung ist der Mündlichkeit ganz stark verpflichtet und taucht das Ohr heutiger Zuhörer ins "Wildbad der Sprache".

Mittelalterliche Autoren waren dem Wort gegenüber nicht naiv. Der Seelsorger und Prediger Heinrich Seuse, der als möglichst effektiv zu seinem Publikum sprechen wollte, reflektierte die unterschiedliche Wirkung von Kommunikationsmedien. Er setzte ganz entschlossen auf die menschliche Stimme, wenn er die Sprechstimme mit dem auf Pergament geschriebenen Wort einander gegenüber stellte: Die menschliche Stimme belebe das Wort, sofern aus dem Herzen heraus gesprochen werde.