âventiure vür daz ôre

Hartmanns von Aue Erec

Lautes Vorlesen ist heute fast ausschliesslich für Kinderohren reserviert, lautes Rezitieren nur noch dem Publikum in Theatern und literarischen Live-Performances vorbehalten. Bis weit in die Moderne hinein wurden dagegen alle Arten von Texten sowohl gehört wie gelesen, im Mittelalter sehr oft auch aufgeführt. Die stimmliche und körperliche Aufführung eines geschriebenen Textes ist eine seiner wesentlichen ästhetischen Dimensionen und eine der wichtigen sozialen Existenzformen von mittelalterlicher Literatur. Das Lesen in den Klöstern und an den Adelshöfen des Mittelalters war - nach allem, was wir wissen - vorrangig ein gemeinschaftlicher, kein privater Akt.

Wie aber können wir die längst verhallten Stimmen der Texte heute hören und zum Klingen bringen? Neun Studentinnen und eine Professorin gingen ein Wintersemester lang auf die Suche nach einer Erzählweise. Im Frühling erschien dann das Hörbuch nach dem Roman Erec des Hartmann von Aue.

Hartmann von Aue (zwischen 1210 und 1220 gestorben) legte mit seinem Erec den ersten Roman der deutschsprachigen Literatur vor. Er erzählte auf der Grundlage der französischen Erec et Enide des Chrétien de Troyes (um 1140-1190) die Geschichte des Artusritters Erec und seiner Frau Enite. Diese reiten zusammen, jedoch nicht auf gemeinsam Entschluss, nach Âventiure (ritterliche Bewährung, Abenteuer) aus. Ein zwergenhafter König namens Guivreiz, etliche durch den Wald irrenden Riesen, Knappen und zornrote Grafen sowie Königin Ginover und achtzig Witwen in schändlicher Gefangenschaft gehören zur bunten Gesellschaft in diesem Roman. Die Handlung wartet auch mit einer Vielzahl von klingenden Namen von Tafelrittern auf, die zu identifizieren Moriz Haupt Kopfzerbrechen verursachten.

Wir liessen es nicht so weit kommen und spielten, wie Hartmann, auch mit dem leicht verfremdeten akustischen Glamour der französischen Haute-Volée. Das Hörbuch präsentiert eine neue Erzählfassung in heutigem Deutsch mit ausgewählten mittelhochdeutschen Passagen; der Originaltext ist im Booklet übersetzt. Die Klangwelt der Sprache und der Schauplätze am Hof und im Wald wird lebendig: höfische Hochzeitsfeste, zarte Minneszenen, feurige Wort- und Turnierkämpfe gegen Rivalen. Damit kommt das Hörbuch einerseits dem an den mittelalterlichen Höfen praktizierten mündlichen Erzählen nahe. Andererseits soll nicht verschwiegen werden, dass Frauen von heute am Werk und an den Mikrophonen waren.

Erzählfassung: Nadia Caldes, Rita Frommenwiler, Hildegard Elisabeth Keller, Ursula Meier

Sprecherinnen: Colette Brunschwig, Nadia Caldes, Jurgita Dudutyte, Rita Frommenwiler, Natacha Imhof Bickel, Hildegard Elisabeth Keller, Ursula Meier, Marguerite Meier-Waldstein, Christina Müller, Sandra Suter

Autorinnen der Einzelbeiträge im Booklet: Vorwort (Hildegard Elisabeth Keller); Hartmann von Aue und die Anfänge des deutschsprachigen Romans (Christina Müller). Vokalität im Mittelalter (Hildegard Elisabeth Keller); und verbôt ir dâ zestunt daz ze sprechenne ir munt - Enites Stimme und Schweigen (Christina Müller); ob si im wære ein rehtez wîp. Gedanken zum Ehe-Diskurs in Hartmanns von Aue »Erec« (Marguerite Meier-Waldstein); Booklet-Redaktion: Natacha Imhof Bickel, Hildegard Elisabeth Keller, Christina Müller.

Gestaltung (Booklet und Hörbuch): Sarah Fehr.

Die Tonaufnahmen wurden hergestellt im Tonstudio der Universität Zürich (Leitung / Mastering: Walter Weber, MELS Multimedia- & E-Learning Services; Assistenz: Hildegard Elisabeth Keller).

âventiure vür daz ôre - Hartmanns von Aue Erec. Ein Hörbuch nach dem gleichnamigen Roman. Hg. von Hildegard Elisabeth Keller
Audio-CD (Hörbuch), mit Booklet, Sprechzeit 71 Minuten
CHF 28.00 / EUR 19.80 (D)
ISBN 978-3-7281-3015-0
Zürich: vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich 2005

Hörprobe

Track 1: Auf der Jagd nach Ehre

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"So lustvoll kann Wissenschaft sein: Neun Studentinnen und eine Professorin, die Zürcher Germanistin Elisabeth Keller, beschäftigen sich einen Winter lang mit Hartmanns von Aue "Erec", dem ersten Roman der deutschen Literatur und das Resultat ist ein Hörbuch, das auch Menschen fern der Hochschule anspricht. ... Eine ferne, fremde Zeit kommt so nah, dass sie faszinierend wird."
(Peter Müller, Tages-Anzeiger, 14.6.2005, S. 55)

"Eine wunderbare CD!"
(Hardy Ruoss, Radio DRS2, Literarische Hörbuch-Neuerscheinungen, 5.7.05)

"Solche Text lesen ist eines, sie in der Originalsprache hören ein anderes. Deshalb sind die Hörbücher aus der Werkstatt der Zürcher Professorin für ältere deutsche Literatur, Hildegard E. Keller, ein nachhaltiges Erlebnis. 'Erec', der erste Roman deutschsprachiger Literatur, erzählt die spannende Geschichte eines Artus-Ritters. Das Hörbuch unterbricht den Text bisweilen musikalisch. Mittelhochdeutsche Passagen wechseln sich ab mit solchen in heutigem Deutsch. So bekommt auch der Laie schnell Zugang in eine fremde nahe Welt."
(Gotthard Fuchs, Christ in der Gegenwart 58, 9-2006, S. 70)